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Stolpersteine - Troisdorf
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Deportationen

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Wir haben die Vertrauensleute angewiesen, den Transportteilnehmern nach jeder
Richtlinie hin behilflich zu sein und sie zu unterstützen, wie auch wir unsererseits
alles tun werden, was in unseren Kräften steht, um zu helfen.
Bezirksstelle Rheinland der Reichs-
vereinigung der Juden in Deutschland
Ernst Israel Peiser
Köln, den 6. Juni 1942
Rubenstr. 33
P/He.

Die „Evakuierung" des Mucher Lagers erfolgte nachweislich in vier Schüben:
1) am
14. 6. 1942, 8,30 Uhr ab Much nach Bonn , jüdisches Gemeinschaftshaus,
Kapellenstraße, und von dort am 15. 6. 1942 „nach dem Osten" .
2) am
14. 6. 1942, 12,30 Uhr ab Much nach Köln-Deutz (Messehalle) und von
dort am 15. 6. 1942 nach dem „Altersghetto Theresienstadt" .
3) am
19. 7. 1942 nach Köln-Deutz (Messehalle), wo sich die Juden in der Zeit
von 10,00 bis 15,00 Uhr einzufinden hatten, und von dort am 20. 7. 1942
„nach dem Osten" .
4) am
27. 7. 1942, 8,00 Uhr ab Much nach Köln-Deutz (Messehalle) und von dort
nach Theresienstadt.
Im Zuge der ersten Deportation vom 15. Juni 1942, die auf Anordnung des
RSHA vom 3. Juni 1942 „in den Osten" ging, wurde ein großer Teil der im Rhein-
land lebenden Juden „evakuiert". Der Transport, der die Bezeichnung D 22 trug,
wurde von der Stapostelle Koblenz, der Stapostelle Aachen, der Stapostelle Köln
und der Stapoleitstelle Düsseldorf organisiert und durchgeführt. Er umfaßte ins-
gesamt 1066 Juden, davon allein aus dem Regierungsbezirk Köln 318. Daß die
Juden, die mit diesem Transport „auswanderten", nicht - wie man den Siegkreis-
Juden beschwichtigend versichert hatte - in den Raum Lodz-Litzmannstadt,
sondern mit aller Wahrscheinlichkeit in die Konzentrations-und Vernichtungslager
im Distrikt Lublin gebracht wurden, läßt sich u. a. aus der Tatsache schließen, daß
für die Deportation DA 22 „allein neun Güterwagen für die geistig behinderten
Juden aus der israelitischen Heil- und Pflegeanstalt Bendorf-Sayn vorgesehen
waren" . Was mit den geistig behinderten Juden beabsichtigt war, läßt sich
unschwer erraten. „Über Ort und Zeit ihrer Gestellung" waren die Juden freilich
nicht unterrichtet worden...

Einige Juden waren auf Anordnung der Gestapo Köln zunächst vom
Transport zurückgestellt worden, darunter Elfriede Menkel, Rosalie Menkel, Berta
Levy, Paula Schweitzer, Sibilla und Frieda Knobel, Sofie Levy, Lydia Marx, Adele
Heilbrunn sowie Else und Paula Koppel.
Noch am gleichen Tag wurde der Transport III/1 für den 15. Juni 1941 nach dem
„Altersghetto Theresienstadt" im Siegkreis zusammengestellt`. Mitge-
nommen werden durften ein Lebensmittelvorrat „für die Dauer von 8 Tagen",
S0,-RM in bar, ein „Koffer oder Rucksack mit Ausrüstungsstücken", „vollstän-
dige Bekleidung, ordentliches Schuhwerk, Bettzeug mit Decke"". Für den
Transport nach Theresienstadt waren zunächst Juden mit Kriegsauszeichnungen -
„aber nicht unter dem Eisernen Kreuz I. Klasse" -Juden im Alter vonüber 65 Jah-
ren sowie schwerkriegsbeschädigte Juden vorgesehen. Ursprünglich war wohl
beabsichtigt, diese nicht zu töten". Später wurde Theresienstadt freilich zur
Durchgangsstation für die Vernichtungslager des Ostens 33.

Mit Schreiben vom 15. Juni 1942 bestätigte der Bürgermeister von Much dem
Landrat, daß „Schwierigkeiten bei dem Abtransport ... nicht entstanden" seien .
Für den Transport am 20. Juli 1942 „ n a c h dem Osten" waren außer den bereits
dafür ausgewählten Opfern auch alle noch im Regierungsbezirk Köln wohnhaften
Juden zu erfassen, die unter 65 Jahren waren. Ausgenommen waren „Inhaber des
Verwundetenabzeichens, des E.K.I oder anderer hoher Tapferkeitsauszeich-
nungen", Schwerkriegsbeschädigte sowie in „deutsch-jüdischen Mischehen
lebende Juden" 36. Selbige waren offenkundig mit ihren Familien (ausgenommen die
Mischehen) für den nächsten Transport nach Theresienstadt vorgesehen. - Ver-
mutlich den Abtransport der für diese Deportation vorgesehenen Juden aus dem
Lager Much beobachtete der Gastwirt Herr Robert Heider: „Eines Sonntags-
morgens, als ich zur Frühmesse ging, standen drei Lastwagen am Lager, auf die die
Juden verladen wurden. Wer die Verladung überwachte, konnte ich nicht fest-
stellen. Man durfte sich nicht aufhalten"

Während man anfangs die Insassen des Internierungslagers in Much ganz offen-
kundig über die Zeit ihrer „Gestellung" sowie das eigentliche Deportationsziel im
Unklaren gelassen hatte, erhielten die für den letzten Transport Bestimmten - es
waren fast ausschließlich ältere Menschen - verhältnismäßig früh die Nachricht
darüber, was man mit ihnen beabsichtigte. Dies geht eindeutig aus einem Brief"
hervor, den die Eheleute Moses Walter und Sanny Walter, früher wohnhaft in Sieg-
burg, Holzgasse 24, wenige Tage vor ihrer Deportation nach Theresienstadt an ihre
Kinder richteten. Der Brief ist zugleich ein erschütterndes Zeugnis von jüdischer
Elternliebe und Glaubenstreue und soll deshalb an dieser Stelle wortgetreu wieder-
gegeben werden.


Much 21. Juli 1942
Liebe Kinder!
Dein Brief 1(ieber) Alfred war v(om) 12. ds. Mts. und Ernst seiner vom 16. Juli
und Liesel ihrer war vom 14. Juli die ich hiermit bestätige. Vor allen Dingen teile
(ich) Euch mit, daß wir in einigen Tagen abreisen werden und schon gepackt haben,
am vorigen Sonntag ist der größte Teil abgefahren und nur noch die ältesten und
ganz Alten hier. Was Ernst von Schicken geschrieben hatte ist zu unterlassen da es
uns absolut nicht erreichen würde. Von Geld kann überhaupt keine Rede sein da ich
viel zu viel habe, auch sonst haben wir bisher keinen Mangel und hätten es aushalten
können. Daß ich nun mit 82 Jahren noch verreisen muß ist ja sehr traurig, aber es ist
Gottes Fügung wogegen man zu murren nicht das Recht hat. Wenn wir nur gesund
bleiben werden wir auch dieses überstehen und auch s(o) G(ott) will uns wieder-
sehen werden. Wenn es aber möglich ist gebt an Rudolph und Elly die Nachricht
weiter vielleicht durch das rothe Kreuz. Nun meine lieben Kinder regt Euch nicht
zu sehr auf, bleibt gesund an Leib und Seele, seid ... stark sowie es viele anderen im
Vertrauen auf Gottes Hilfe auch sind. Einst wird doch das Wort des Propheten
Iesaias in Erfüllung gehen was er in seinen Schriften gesagt hat „Nur einen Augen-
blick habe ich Euch verlassen aber mit großem Erbarmen werde ich Euch wieder
heimführen". Sobald wir an Ort und Stelle sind werden wir schreiben; wenn wir
können. Und nunmehr erteile ich Euch auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen
Wege den priesterlichen und väterlichen Segen. Der Herr segne Dich und behüte
Dich, der Herr lasse Dir leuchten sein Angesicht und sei Dir gnädig. Es erhebe der
Herr sein Angesicht zu Dir und gebe Dir Frieden! Also lebt wohl meine lieben Kin-
der bis auf Wiedersehen. Ich küsse Euch alle im Geiste und grüße Euch herzlich.
Euer Vater
Geliebte Kinder! Auch ich sage Euch auf diesem Wege Lebewohl, hoffentlich
geht alles gut, da die Fahrt sehr unangenehm ist. Die Hoffnung Euch einmal wieder-
zusehen hält uns aufrecht. Unsere Nerven sind überreizt, wie Ihr Euch wohl
denken könnt. Gleichzeitig mit unserem Transport fährt auch Tante Bille mit, ob
wir uns unterwegs sehen ist fraglich. Sie freut sich so traurig es auch sei uns wieder-
zusehen d. h. wieder mit uns zusammen zu sein. O. Simon schreibt auch sehr
traurig. Also liebe Kinder wir wollen tapfer sein, seit Ihr es auch. Umarme und
küsse Euch inniglich. Bleibt gesund hoffentlich wir auch. Auf frohes Wiedersehen.
Hoffentlich rechtbald.
Eure Euch liebende Mutter
Soeben erhielten wir noch die Nachricht daß wir am Montag Vormittag abreisen
Richtung Theresienstadt f(ür) d. 27.ten


Die letzten im Mucher Lager verbliebenen Juden wurden am 27. Juli 1942 um
8,00 Uhr zum Sammelplatz nach Köln-Deutz (Messehalle) gebracht4°. Der
Bestimmungsort dieses Transportes, der die Nummer III/2 trug, war Theresien-
stadt. Wie sich aber nachweisen läßt, war für viele von ihnen das „Judenparadies"
Theresienstadt nur ein Durchgangsort in das Ghetto Minsk oder direkt in ein
Vernichtungslager des Ostens". Auch „kranke Juden" waren „unter allen
Umständen zum Gestellungsort zu transportieren" 41.
Hatten die Juden bei den ersten Deportationen noch relativ gelassen die „Reise"
angetreten, so nahm ganz offenkundig vor dem Abgang der letzten Transporte
nach Theresienstadt die Verzweiflung der zur Deportation Bestimmten zu.

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