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Stolpersteine - Troisdorf
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Kirchstr. 6 - Metzgerei Levy

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 Da bisher keine weiteren Augenzeugenberichte über das Haus Kirchstrasse 6 (damals Franz-Müller-Strasse) gefunden werden konnten, ist dieser Bericht von Herrn Wilhelm Kuhla der zur Zeit einzige Nachweis über den Brandanschlag auf die jüdische Metzgerei, die sich im Haus Kirchstrasse 6 befand.

Eine Foto aus dem Jahre 1947 des Hauses Kirchstr. können sie hier sehen.

 
 


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In solchem Zusammenhang erinnere ich mich, daß meine Mutter einmal mit mir, um mir irgendein Kleidungsstück zu kaufen, in Siegburg einen jüdischen Laden aufgesucht hat, vor dem zwei SA-Männer Posten standen und den Kunden den Eindruck vermittelten, man notiere oder fotografiere sie. Mir ist noch genau im Sinn, daß meine Mutter ganz verängstigt war und noch wochenlang vor möglichen Unannehmlichkeiten gezittert hat.

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Das Geschehen um die Familie Brunell, das ich hier nach meiner Erinnerung aus Kindertagen skizziert habe, kann ich nicht mit einer konkreten Jahreszahl oder mit Jahreszahlen belegen. Ich meine jedoch, der Laden Brunell müsse noch vor der Reichskristallnacht am 9./10. November 1938 aufgegeben worden sein.

Was in Troisdorf in jener Nacht an Schrecknissen geschehen ist, weiß ich nicht. Bekanntgeworden ist mir nur - weil wir Kinder am nächsten Morgen hinliefen, uns das anzuschauen -, daß in der Kirchstraße (damals Franz-Müller-Straße geheißen), die Fassade des Fachwerkhauses, in dem sich die Metzgerei Levy befand, von einem - zufällig oder absichtlich (?) - miß­glückten Brandstiftungsversuch rußgeschwärzt war. Außerdem wurde erzählt, man habe in der Nacht einen Trupp Männer vor dem bisherigen Haus Brunell agieren sehen; aber diese Leute seien offensichtlich erstaunt gewesen, dort einen anderen Fir­mennamen und auch andere Auslagen als bisher vorzufinden, und seien schließlich unverrichteter Dinge abgezogen. Aus diesem Umstand schließe ich, daß die Aufgabe des Geschäfts durch Brunells vor der Reichskristallnacht erfolgt sein muß, vermutlich aber nur ganz kurz davor.

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entnommen aus:

Troisdorfer Senioren erzählen Geschichte(n)
Stadt Troisdorf - Volkshochschulzweckverband
Troisdorf und Niederkassel - 1985

Wilhelm Kuhla - Ein Gang durch die Faustgasse

 
   
 

"Reichskristallnacht" in Troisdorf

Überfall in der Kirchstrasse

Donnerstag, den 10.November 1938, frühmorgens gegen 6 Uhr: Mehrere Schüsse peitschen über die Kirchstrasse in Troisdorf, Sekunden später brennt ein Benzinfass lichterloh im Eingang des Hauses Nr.6 und erleuchtet den dunklen Morgen. Zufrieden grinsend setzen die Männer, die von der "Alten Schule" aus geschossen haben, ihre Gewehre ab. "Julius , dat hamme jot gemaat!" sagen sie zu ihrem Anführer : Die Pogromnacht in Troisdorf. An diesem Tag durften überall im Reich die Judenhasser endlich zutreten, zuschlagen, zündeln. Seit 1933 waren sie von den kalten NS-Zynikern nur mühsam zurückgehalten worden; die "Nürnberger Gesetze" von 1935 waren ein halbherziges Zugeständnis an die SA-Männer und Parteigenossen, die wirkliches Juden-Blut vom Messer spritzen lassen wollten.

Jetzt war ihre Stunde gekommen. Die Flammen züngeln langsam an der Fassade des alten Fachwerkhauses empor. Im Inneren bleibt alles dunkel, niemand regt sich. Samuel Levy ist gar nicht daheim, sein Bruder Josef war zwei Tage zuvor gestorben; Samuel ist wegen Erbschaftsangelegenheiten in Köln. Seine Frau Hedwig und die Tochter Ruth Johanna schlafen bei Samuels Schwester, Frau Wolf, auf der Frankfurterstrasse 56. Der Sohn Emil wohnt schon nicht mehr im elterlichen Haus. Die Tochter Hilde, ihr Mann Solly und das Baby Walter Josef sind seit 2 Jahren in den USA.Es ist also niemand da, den man verprügeln oder sonst wie quälen kann. Wütend zertrümmern Julius und seine Kumpane die Inneneinrichtung; schliesslich finden sie die Auswanderungspapiere der Levys. Sie zerreissen oder stehlen sie. Hilde hatte aus den USA ihren Eltern das so wichtige "Affidavit" geschickt - die Bürgschaftserklärung, dass die Einwanderer von dem Unterzeichner finanziell unterstützt werden. Dies und die Wartenummer verschwinden.

Die Levys finden keine Möglichkeit mehr auszuwandern. Samuel, Hedwig und Ruth Johann Levy sterben im Frühjahr 1942 in Getto "Litzmannstadt" oder werden im Mai 1942 in Chelmno mit Gas ermordet. Emil Levy wird vermutlich zwischen dem 29.Juli 1942 und dem 8.Mai 1943 im Getto Minsk ermordet.Mit dem Pogrom vom November 1938 starten die Nazis den offenen, öffentlichen Terror gegen die Juden. Der Tag zwingt die Deutschen, vor sich selber zu bekennen; jetzt scheiden sich die Geister: die einen sind empört und helfen jetzt den bedrängten Juden; die anderen schlachten deren nicht mehr zu übersehende Notlage schamlos oder dreist aus. Für beides gibt es Beispiele:

  • Gertrud Büchel, eine Nachbarin der Levys, holt tatsächlich eimerweise Wasser, um den Brand zu löschen, bis Julius und die anderen Rauf-Nazis sie bedrohen.
  • Nachbarn kaufen den Juden ihren Besitz ab, u.a. auch ihre Häuser.

In den meisten Fällen haben die "arischen" Käufer die Notlage der Juden ausgenutzt und den Kaufpreis heruntergehandelt.Samuel Levy, Josef Meier (Im Grotten 23) und Alfred Pins (Hofgartenstrasse 8) werden für unbekannte Zeit in ein KZ verschleppt. Die Pogromnacht endet im Getto von Lodz, in den Gaskammern von Auschwitz, Majdanek, Treblinka, Belzec, Sobibor, in den Massengräbern von Minsk, in den Mauern von Theresienstadt.

 
 

Quelle: Norbert Floerken, Texte zur Troisdorfer Geschichte:
http://www.floerken.de